Das Interview: Ergonomie am Arbeitsplatz

novaworx-Experte Dr. Uwe Debitz berichtet über sein Schwerpunktthema Ergonomie.
Dr. Uwe Debitz. Ergonomiecoach und Fachkraft für Ergonomie
Damian Krüger
Das Gespräch führte Damian Krüger, Student der Kommunikations-psychologie und Praktikant bei novaworx.

Damian Krüger im Gespräch mit novaworx-Experte und Fachkraft für Ergonomie Dr. Uwe Debitz.

Damian Krüger: Guten Morgen Uwe Debitz. Ich möchte heute gern ein paar Fragen zum Thema Ergonomie stellen. Warum ist es heutzutage überhaupt wichtig, sich mit Ergonomie auseinanderzusetzen?

Dr. Uwe Debitz: Es ist leider so, dass viele Menschen krankheitsbedingt ausfallen, weil sie bspw. Probleme mit dem Rücken, Schulterbereich oder den Gelenken haben. Vieles davon ist zurückzuführen auf schlechtes Sitzen am Büro-Arbeitsplatz oder falsches Heben und Tragen z.B. auf dem Bau. Diese Probleme entstehen oft dadurch, dass man sich nicht ergonomisch verhält oder keine entsprechenden Arbeitsmittel zur Verfügung stehen. Das Hauptanliegen ist also, Krankheiten zu verhindern oder zu vermeiden, indem man sich präventiv verhält. Das heißt also, dass man von vorherein weiß, wie man es richtig machen soll, damit man gar nicht erst krank wird.

Beim Sitzen auf dem falschen Bürostuhl können schnell Rücken-, Schulter- und Nackenschmerzen entstehen.
Beim Sitzen auf dem falschen Bürostuhl können schnell Rücken-, Schulter- und Nackenschmerzen entstehen. Quelle: Pixabay

DK: Du bist eigentlich Arbeits- und Organisationspsychologe, wie bist Du zu dem Thema Ergonomie gekommen?

UD: Für das Thema Ergonomie interessiere ich mich schon sehr lange. Im Prinzip seit meiner Zeit an der Universität, seit 1998. Dort bin ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter viel in Verfahrensentwicklungen eingebunden worden. Zum Beispiel gibt es das so genannte REBA-Verfahren, dass auf vier Ebenen analysiert und bewertet: Ausführbarkeit, Schädigungslosigkeit, Beeinträchtigungsfreiheit, Lernen und Persönlichkeitsförderlichkeit. In der ersten Bewertungsebene wird das Thema Ergonomie ausführlich betrachtet.

DK: Was machen die meisten Leute denn im Beruf falsch, oder wie würden sie es eigentlich ergonomisch besser machen müssen?

UD: Das ist ein Konglomerat von Bedingungen, die meistens zusammenkommen. Bspw. im Büro selber braucht man ordentliches Licht, am besten so, dass es von der Seite kommt und keine Blendung oder Reflektion auf dem Bildschirm hervorruft. Dann geht es noch darum, dass man aufrecht sitzt, dass man den Blick so auf den Monitor richten kann, dass die Augen höher als die Oberkante des Bildschirms sind und man im leichten Blickwinkel nach unten, (ca. 15 Grad) den Bildschirminhalt sehen kann. Dann geht es damit weiter, dass man auch etwas Grün im Raum haben sollte, das die Augen entspannt.  Pflanzen helfen nicht nur dabei, sondern tragen auch zur Verbesserung des Klimas bei. Man sollte regelmäßig lüften können und Pausen machen. Bei reiner Bildschirmarbeit ist es sogar vorgeschrieben, dass man bis zu fünf Minuten pro Stunde Bildschirmpause macht.  Am besten vorbeugend, bevor man in den Schmerz kommt, oder man merkt, dass man sich nicht mehr konzentrieren kann. Weiterhin sollte man alle drei Jahre die ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen, um erstens eine Rückspiegelung zu bekommen, und zweitens bei Bedarf entsprechende Unterstützung.

Muskel-Skelett-Erkrankungen gehören nach wie vor zu den Hauptursachen für krankheitsbedingte Ausfallzeiten.

DK: Wir haben heutzutage viele Büroaufgaben und momentan wird noch viel weiterentwickelt auf Homeoffice oder Telearbeit. Im Bürobereich fragen sich viele Menschen, was ein guter Bürostuhl ist. Kannst Du das zusammenfassen?

UD: Da muss man genauer schauen, was wirklich sinnvoll ist. Wenn man Acht Stunden am Tag immer auf dem gleichen Stuhl sitzt, dann sollte dieser schon etwas besser sein. Dabei sind verschiedene Kriterien zu beachten, die damit anfangen, dass man aufrecht sitzen kann, dass man die Füße grade auf dem Boden hat, dass man nirgendwo eingeengt wird, dass das Blut auch zirkulieren kann und was auch immer wichtiger wird in dem Zusammenhang, ist, dass man dynamisch Sitzen kann. Das heißt, dass man nicht die ganze Zeit starr und fest an dem Stuhl gefesselt ist, sondern dass man sich bewegen kann. Also sich nach vorn und hinten bewegen kann, aber auch seitlich. Es gibt beispielsweise Stühle, da ist die Sitzfläche so, dass sie sich in alle Richtungen mitbewegt. Und das wiederum unterstützt die Muskeln und damit eben auch den Aufbau des Muskelgewebes um z.B. die Bandscheiben herum. Die Bandscheiben werden durch diese ständige Bewegung dazu angeregt, diese immer wieder mit Wasser zu füllen und damit auch als Puffer zu wirken. Und das kann dann die typischen Rückenschmerzen verhindern.

Dr. Uwe Debitz am höhenverstellbaren Schreibtisch. Foto: Damian Krüger
Dr. Uwe Debitz am höhenverstellbaren Schreibtisch. Foto: Damian Krüger.

DK: novaworx, dass Du mitgegründet hast, hat neulich einen höhenverstellbaren Tisch erworben. Über diese Tische gibt es ebenfalls viele Gespräche in den unterschiedlichsten Branchen, ob sie angeschafft werden sollen. Was ist der Gedanke hinter den höhenverstellbaren Tischen?

UD: Der Hauptgedanke ist, dass man den Tag möglichst abwechslungsreich körperlich gestalten sollte. Das heißt also, dass der Wechsel zwischen Sitzen und Stehen, wenn man nur am Computer zu tun hat, als durchaus sinnvoll erachtet wird. Man sollte dabei selbst bestimmen können, wann man die Haltungsart wechselt, nicht zu bestimmten, festen Zeiten. Dabei sollte man aber auch drauf achten, dass man dynamisch steht und nicht nur in einer Position. Der sogenannte Thekenstand, bei dem man einen Fuß leicht nach oben nimmt und ablegen kann, ist eine hilf- und abwechslungsreiche Veränderung, mit der man eine größere Variabilität erreichen kann.

DK: Im Homeoffice ist es häufig so, dass die Personen keinen Raum zur Verfügung haben, der arbeitsgebunden wäre, wie kann man da ergonomisch gut beraten?

UD: Ergonomie im Homeoffice ist schon etwas schwieriger. Bei permanentem Homeoffice ist der Arbeitgeber dafür verantwortlich, dass die entsprechende Ausstattung vorhanden ist. Es muss nachgewiesen werden, dass die Raumgröße entsprechend gegeben ist, dass das Mobiliar in der Regel vom Arbeitgeber bereitgestellt wird, sodass im Vorhinein ergonomische Arbeitsmittel angeschafft werden. Das betrifft ebenso die ganze Computerausstattung. Wenn das nicht der Fall ist und man nur ab und zu mal Zuhause ist, wie zum Beispiel beim mobilen Arbeiten in Zeiten der Corona-Krise, dann ist es wichtig zu wissen, dass ein Notebook keinen PC-Arbeitsplatz darstellt. Am Notebook sollte man höchstens vier Stunden am Tag arbeiten, weil die ergonomischen Bedingungen dort immer ungünstiger sind. Für die Hände in dem Fall, aber auch für das Sichtfeld. Wenn man die Tastatur des Notebooks benutzt, dann hat man automatisch den Bildschirm viel zu niedrig. Gut ist natürlich, dass es eine ganze Reihe von Informationsmaterialien (z.B. von der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft) dazu gibt, wie man auch Zuhause gut arbeiten kann.

Keine gute Idee: Wer im Auto dokumentiert, sitzt zwangsläufig falsch.
Keine gute Idee: Wer im Auto dokumentiert, sitzt zwangsläufig falsch. Quelle: Pixabay.

DK: Kannst Du Unternehmen auch außerhalb von Büroarbeiten zu Ergonomie-Themen beraten? Du hast vorhin zum Beispiel von körperlicher Arbeit gesprochen.

UD: Ja. Es geht nicht nur um Büroarbeitsplätze, wobei die natürlich immer mehr zunehmen, es geht z.B. auch um körperlich schwere Arbeiten, die mit Heben und Tragen oder Ziehen und Schieben verbunden sind. Und die Verwendung von Arbeitsmitteln spielt ebenfalls eine große Rolle. In der Regel gibt es dazu eine Einweisung. Wenn die Unternehmen nicht wissen, wie sie es machen sollen, da sie es nicht so oft benötigen, helfen wir auch gern aus.

DK: An welche Institutionen und Personen kann man sich wenden, wenn man generell Fragen zu ergonomischen Themen hat?

UD: Man kann sich gern an uns wenden. Auf unserer Website sind die entsprechenden Angebote aufgeführt. Bei allen Phasen, also der Einrichtung eines Arbeitsplatzes, bei der Durchführung und anschließenden Bewertung, können wir unterstützen. Wir, helfen bspw. den Stuhl, mit seinen vielen Hebeln und Verstellmöglichkeiten, einzustellen oder die richtige Tischhöhe zu ermitteln.

DK: Gibt es für die Anschaffung von ergonomischen Geräten Unterstützungsmöglichkeiten für Unternehmen?

UD: Das ist möglich. Zwei Fälle sind dabei besonders hervorzuheben. Der erste ist die Arbeitsplatzbrille. Wenn der Betriebsarzt oder die Betriebsärztin feststellt, dass sich die Augenleistung verschlechtert hat, kann ein Zuschuss zu einer Lesebrille gewährt werden. Das zweite sind höhenverstellbare Tische. Klagen Beschäftigte beispielsweise über permanente Rückenschmerzen, kann ein Orthopäde oder die behandelnde Ärztin ein Attest für einen höhenverstellbaren Schreibtisch ausstellen. Dieses Attest kann entweder bei der Krankenkasse oder bei der Deutschen Rentenversicherung mit der Bitte um Unterstützung eingereicht werden.

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